Nicht eng, nicht weit – blaue Weihnachten?

Dieses Jahr, ich erwähnte es mehrfach, ist eines des gräßlichsten überhaupt - auch nähend: kaum Zeit, kaum Erfolg. Aber auf den letzten Drücker will ich das Ruder noch rumreißen; ich habe Pläne ohne Ende und Stoffe in Massen. Kennt man ja: Stoff kaufen geht immer, der näht sich später sicherlich von ganz alleine. Von Mittwoch letzter Woche bis gestern abend habe ich an einem wirklich sehr simplen Kleid herumgedoktert: Vor der Konstruktion stand ich unentschlossen; der Zuschnitt von Futter und Oberstoff gelang nur stockend dank Minusch, die unbedingt schnurrend alles inspizieren musste und ungnädig schimpfend sich nicht vertreiben lassen mochte; die Overlock frass sich selbst und meckerte; die Janome entspannte sich so sehr, dass der Unterfadenspulenhalter mitten in einer kritischen Naht herum sprang - der Gatte und ich haben zwei Stunden mit Ursachenforschung und - behebung verbracht; das Bügeleisen sorgte viermal für einen Stromausfall; dazwischen mussste ich mit den Jungs Religion, Naturwissenschaften, Mathematik, Englisch und Französisch üben. Und die ganze Zeit über dachte ich: das ist das simpelste Kleid überhaupt, andere nähen das in drei Stunden und ich bin froh, wenn ich es in sechs Tagen einigermaßen schaffe ... 1018 ABER es ist fertig, gewaschen, gebügelt und fast gut und schön geworden. All die Malessen und Fehler übersehe ich großzügig. Bis auf das größte Problem: ich besitze keine passenden Schuhe. Null, gar nicht. Aber egal, egal, ich habe diesem Jahr ein weiteres Kleidungsstück entrissen, das nicht in der Tonne landet. 1016 Obwohl ich ein scheinbar gerade bzw. leicht ausgestellt fallendes Kleid wollte, habe ich die Seitennaht minimal tailliert und mit einer leichten Hüftkurve versehen - optisch aber wirkt es wie gewollt, oder? 1019 Der Rücken ist nur minimal geformt; ich wollte ein Kleid, das locker und figurumspielend ist, ohne zu formlos zu sein. Auf alle Fälle bringt es Bewegungsfreiheit mit. 1017 Und weil es schon wieder ein Dienstag ist, an dem ich etwas Fertiges habe, trage ich mich noch einmal beim Creadienstag mit ein - von Hund und Katzen habe ich gelernt, dass Rudelkuscheln sehr nett sein kann 😀

Fadenlauf nutzen am Rockteil

Das Thema kam in den letzten Tage einige Male auf: wie der Fadenlauf für unterschiedliche Effekte und Silhouetten genutzt werden kann. Das folgende Bild ist eine Seite aus dem Buch Pattern Making by the Flat-Pattern Method von Norma R. Hollen: fadenlauf So faul ich meist bin: eigentlich mag ich nach außen wippende Rocksäume nicht, weswegen ich beim gestrigen Kleid die Mittelnaht durch das Muster hindurch in Kauf genommen habe. Hätte ich nun die Kamera nicht auf Bauchhöhe platziert, dann hätte man auch schön sehen können, wieviel schmäler der Rock fällt verglichen mit dem Langeweile-Kleid, bei dem der Fadenlauf in den VM liegt. Viel Spaß beim Spielen 🙂

Nunja, vielleicht ein Quasi-Weihnachtskleid?

Nach langer - gefühlt sehr langer Zeit - einmal wieder etwas Genähtes, ein Kleid gar. Und eines mit deutlichen Vintageakzenten. Für Kleider der kalten Jahreszeiten eigentlich das einzig wahre: enge Taille, hochgeschlossen, längere Ärmel. Mit einem luftigen Sack wäre ich nicht glücklich. Weshalb ein Quasi-Weihnachtskleid? Weil ich von einem Tag auf den anderen Lust hatte, eines meiner ersten selbstkonstruierten Kleider zu kopieren. Wer hier schon sehr lange vorbeischaut, mag sich erinnern: mein ultimatives Weihnachtskleid war es und mittlerweile ist das schon fünf Jahre her. Das Kleid hat ein neues Zuhause gefunden, weil es mir deutlich zu eng wurde. Das Neue hingegen ist am Rippenbogen minimal zu weit; etwas wirklich körpernahes habe ich lange nicht konstruiert und ich war entsetzt, wie lange ich an dem Schnitt saß: satte fünf Stunden! Ich werde alt, ganz offenbar. Sooo lange brauchte ich vorher gewiß nie ... 1004 Der Stoff ist eine leider sehr knitterlustige Viskose, aber weich und gut zu verarbeiten. Die Farbe ist leider nicht ganz meine; ein etwas zu warmes Ziegelrot hat sich eingeschlichen, weil es türkise und nebenweiße Blumen mitbrachte. Die Kombination dieser Farben macht den Stoff eigentlich für niemanden zum hundertprozentig passenden und so habe ich mich erbarmt, zumal der Gesamteffekt tz sanft-gedämpft, latent kühl ist, dass ich mit Make up noch ganz gut davon komme. Aber unbedingt musste ich einen solchen Stoff haben und fand nun lange nichts. So und damit sieht er also jetzt gut aus an mir, basta! 0996 Max, der entzückende, musste natürlich mit rein in Küche und Bild, obwohl ihm sowohl der Blitz als auch das Piepsen und Klicken der Kamera Angst machte. Aber ich hatte es in der Stunde zuvor gewagt, ihn alleine zu lassen und das mag er immer weniger. Als ich am Samstagabend mit einer Freundin für vier Stunden aus war, begrüßte er mich eine Viertelstunde lang sehr ausgiebig und euphorisch. Er hat mir auch heute morgen zu verstehen gegeben, dass jedes Verlassen des Hause meinerseits nur in seiner Begleitung zu geschehen hat. 1006 Das Kleid ist komplett gefüttert, vom Rock bis zum Ärmelbündchen. Zum Einen, um den Ärmeln den gewünschten Fall zu geben - der Futterärmel ist eng und etwa 4 cm kürzer, so dass der 3/4-Bischofsärmel nicht schlapp herunterhängt. Das Oberteil ist übrigens mit Wirkfutter, der Rock mit Viskoseacetat gedoppelt. So schön der Acetat auch fallen und sich verarbeiten lassen mag, so eisekalt ist er auch. Wenn ich ein Kleid schon füttere, dann bitte so kuschelig wie möglich. Der Rock ist in vier Bahnen unterteilt, obwohl das Muster so noch einmal durchschnitten wird. Der Grund ist der gewünschte Fall: ich wollte die Falten in der Mitte haben und den Rock so schmal wie möglich fallen lassen. Dazu muss der Fadenlauf in der Seitennaht liegen. Das hat wie gewünscht funktioniert, doch wie immer bin ich nicht in der Lage, diesen Effekt angemessen fotografisch festzuhalten. Überhaupt ist das Kleid natürlich viel schöner als hier zu sehen - schon, weil es eben endlich wieder einmal ein Kleid geworden ist ... Falls Interesse an der Schnittaufstellung besteht, sagt Bescheid. Und weil ich das noch nie gemacht habe, die Welt so grau ist und Gemeinschaft tröstlich ist, trage ich mich heute einmal in einer Linkliste ein - hier beim Creadienstag.

Wirklichkeiten

Als ich, durchfroren aus dem Regen kommend, durch den ich dank des Hundes, der nach regelmäßigem Auslauf verlangt, hindurch musste, das montägliche Haushaltschaos, welches dem gemütlich im Kreise der Familie verbrachten Wochenende geschuldetet war, betrachtete, das ich zu ordnen gedachte, empfand ich zu eben dieser Tätigkeit eine gewiße Unlust, dank derer ich mir ein Brötchen aufbuk, es belegte und mit zum Sofa nahm, auf welches ich mich niederließ, um mein petit déjeuner zu verspeisen, während ich das Fenster zur Welt öffnete, um mich an den Gedanken meiner Mitmenschen zu erlaben. Dieser Satz diene als Beweis: nicht nur Thomas Mann kann lange und epische Sätze verfassen. Ich kann das auch. Nachdem das endlich geklärt ist, und es waren Jahre, in denen uns diese Frage, ob es möglich sei, Mann'sche Sätze in die Gegenwart zu ziehen, quälte, komme ich zum eigentlichen Grund dieses Aufsatzes. Nicht schlagen, ich höre schon auf! Also ... Beim Hopphopp-Frühstück las ich Lenas Kommentar zum Ambivalenzkleid:
Mir gefällt das Kleid so wie es ist! Ich finde auch Gürtel und Schuhe passen wunderbar dazu 😉
"Hmm," so dachte ich bei mir (weil ich ja, s.o., heute sehr viel denke), " ist es nicht gar seltsam, dass ein und dasselbe Kleidungsstück an ein und derselben Frau eben soviele unterschiedliche Meinungen hervorruft, wie es Kommentare gibt?" Denn ob hier oder auf Fb - eine jede hatte eine andere Idee dazu. Manchen gefiel es gut, wenn es nur ein wenig kürzer oder ein wenig tiefer ausgeschnitten wäre. Oder ohne Gürtel, dafür mit Stiefeln kombiniert würde. Oder deutlich länger, vielleicht mit Rüschen oder mehr Schmuck. Am besten sähe es vielleicht an einer anderen aus oder in der Tonne. Und Lena eben gefiel es so, wie es ist. Wo will ich damit hin? Ich könnte wieder einmal darüber lamentieren, dass Fotos eben nicht die Wirklichkeit ablichten, sondern sie in ein flaches Bild verwandeln - also wahrhaftig abflachen, verziehen und verzerren und farblich dazu noch lügen. Fotos geben eine Ahnung von dem, was ist, doch nicht die Wahrheit. Da will ich aber nicht hin. Ich könnte auch gar trefflich darüber philosophieren, in welch mißlicher Lage ich mich befände, ginge mein Streben danach, es jeder Leserin und Kommentatorin, ja überhaupt allen rechtmachen zu wollen. Wie könnte ich das Kleid kürzen und es dennoch mit einer bodenlangen Rüsche versehen, wie es zugleich bis zum Bauchnabel schlitzen und dabei viktorianischer erscheinen lassen, wie es verbannen und dennoch tragen? Wäre ich "Profi"-Blogger, hätte also ein wachsames Auge auf Werbekunden und Leser-, nein Gefolgschaft, so hätte ich am Ende des letzten Beitrages wohl fragen müssen, was ihr so davon haltet, von dem Kleid und überhaupt und sowieso  - und hätte die Antworten entweder nonchalant ignoriert oder einen zweiten Beitrag hinterhergeschoben mit einer Abstimmung in der Art von "Kürzen - Rüsche dran - in die Tonne" und so noch einen dritten Beitrag aus dem kleinen Kleid heraus gequetscht, in dem ich das berüscht-gekürzte Kleid in der gesponserten Tonne zeige. Aber auch dort will ich nicht hin. Worüber ich in der Tat nachdachte (ja, es ist der Tag der großen Gedanken, im Augenblick denke ich, dass es unglaublich spät geworden ist und die Treppen noch immer nicht gefegt sind, aber DA will ich erst recht nicht hin) ist der Fakt, dass Frauen unterschiedlich sind, aussehen, ticken, gucken, denken und sich äußern. Jaja, das wird uns von den einschlägigen Magazinen und Onlinejournalen auch immer gesagt: "Ihr seid so einzigartig und unterschiedlich, hurra, jubel, jubel, und ihr seid alle besonders und schön und individuell, finden wir ganz klasse, aber noch schöner wäret ihr ja, wenn ihr ein bißchen weniger besonders wäret." Am Ende werden wir immer wieder aufgefordert, uns zu vergleichen, unsere Problemzonen (es fällt mir schwer, diese Vokabel unkommentiert zu lassen) auszugleichen und uns letzten Endes anzugleichen. Vergleichen - ausgleichen - angleichen. Das Mantra der Zeit an die Frau. All das fiel mir ein, als ich innerhalb dreier Sekunden deinen Kommentar las, liebe Lena. Und mittlerweile dürfte dir, liebe Leserin, klar geworden sein, dass das hier lang wird - ich selbst sehe gerade schwarz für meine Haushaltschaosbeseitungspläne - und das weitere Lesen nur mit Kaffee, Keks und Kissen zu überstehen ist. Ach, wer weiß, vielleicht bin ich auch gleich fertig, nur nie die Hoffnung aufgeben. Als ich im letzten Jahr meinen Stil änderte - was hier im Blog vermutlich radikaler und plötzlicher erschien, als es in Wirklichkeit geschah - erhielt ich Kommentare und Mails, die das entweder sehr entschieden lobten oder ebenso entschieden betrauerten. Von manchen Linklisten wurde ich gestrichen, auf anderen tauchte ich auf. Dabei ging es nur vordergründig um Vintage oder modern: während manche vor allem den Stil sahen oder eben nicht mehr sahen, gab es andere, die persönlicher wurden - und ich gebe zu, dass ich manche Aussage als übergriffig empfand, weil ein anderes Schönheitsbild, ein anderes Weltbild dahinter stand, als es mein eigenes ist. Es ist der alte Unterschied, ob ich von langen Beinen oder einem kurzen Oberkörper spreche. Ob ich vor allem nicht-genormtes wahrnehme und ändern will oder ob ich das Gesamtbild wichtiger finde. Ja, ich weiß, das klingt irgendwie nebulös, kryptisch und ungenau. Also versuche ich es konkreter und dabei geht es nur beispielhaft um mich; mir geht es um Frauen und ihre individuelle Schönheit überhaupt. Mein ästhetisches Empfinden war immer schon angezogen von der Kleidung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (drei Genitive hintereinander, eieieiei). Während alles von 1900-1920 aus Gründen der Beweglichkeit ausschied, boten sich die 20er-40er schon deshalb für eine Neuinterpretation an, weil in diesen Jahren die weibliche Kleidung, wie wir sie heute kennen, geboren wurde: weite Hosen, knielange Röcke, Strickpullis, Hemdblusen, Trenchcoats, Jackets - alles hat seinen Ursprung in jenen Jahren. Die Silhouetten war weiblich, alltagstauglich und elegant zugleich. Und da Mode in früheren Jahrzehnten tyrannisch waren, trugen alle Frauen, also alle Figuren, zumindest ähnliches. Nur weil eine nicht die schmalen Hüften oder die langen Beine der Modezeichnungen hatte, hieß das noch nicht, dass sie den kleinen Pulli nicht trug - es blieb ihr gar nichts anderes übrig, wollte sie nicht nackt und bloß gehen. Und mit genau diesen Gedanken ging ich auch an die Verwirklichung meiner eigenen Vintagegarderobe: weshalb sollte ich mir dieses oder jenes verbieten und verwehren, nur weil mein von der Natur gegebenenes Becken breiter war als das manch anderer Frau? Weshalb sollte ich deswegen meine schmale Taille, die wiederum manch andere vielleicht gerne gehabt hätte, umspielen? Wieso, weshalb, warum sollte ich nicht einfach tragen dürfen, was mir im Gesamtbild - auch an mir selbst! - gut gefiel, nur weil damit etwas betont wurde, was als Makel galt und gilt? Weshalb sollte ich das von anderen Frauen erwarten? Weshalb muss das dicke Mädchen ständig mit aufgeknöpftem Decollete erscheinen, nur weil ihr eingeredet wird, dass diese Partie das einzig Schöne an ihr sei? Weshalb muss die Dünne sich in gepolsterte Daunen hüllen, damit andere sich nicht an ihren spitzen Ellebogen stoßen? Natürlich blieb ich auch nicht unberührt, wenn immer mal wieder jemand meinte sagen zu müssen, dass ja also gerade dieses Outfit, dieses ganze Vintagezeugs so gar nichts für mich und meine Hüften sei und dass das meinen kurzen Oberkörper noch weiter quetschen würde und dass das alles grundfalsch sei. Es gab dann Teile, in denen ich mich nicht mehr so recht wohlfühlte, bis eine Freundin vielleicht genau darüber in Begeisterung ausbrach, weil wow, was hast du Kurven, oh, das ist soo weiblich, mönsch, was ist das toll an dir. Und beide hatten recht, nur sind die Blickwinkel, das, was ihnen selbst wichtig ist, unterschiedlich. Für die Freundin oder den Gatten waren meine Hüften kein Schönheitsfehler, sondern schlicht schön und was könnte schöner sein, als das Schöne zu betonen. Für die Kritikerin waren sie eben nicht schön, sie störten ihre Ästhetik, ihren Blick auf mich - genau das ist auch, was die klassische Stilberatung ausmacht, was Grundlage all der Frauenjournale und Onlinemagazine ist. Wieder das Vergleichen - Ausgleichen - Angleichen. Wir hatten darüber schon einmal beim wunderbaren Kleiderschrank gesprochen und statt meiner Hüften boten sich Lotties schöne, starke Schultern zum Beispiel an. Wenn wir alles tun, um unsere Körper mit seinen Proportionen in eine einzige Schablone zu quetschen - Sanduhr: Schultern, Busen und Hüften in etwa gleich breit, Taille deutlich, dazu aber bitte schlanke Arme und Beine, nicht zu lang, nicht zu kurz, Busen groß, aber nicht gewöhnlich, Hals zart und nicht zu lang, etc. etc. - dann können wir nicht zeitgleich für mehr Vielfalt in der Schönheit sorgen. All das Gerede von Einzigartigkeit und Besonderheit und Individualismus: für die Katz, wenn wir immer nur daran arbeiten, unsere Schultern zu polstern oder zu verbergen und Busen kleiner oder größer zu quetschen. Ja, holla, ich bin doch ein wenig weiter vom ursprünglichen Weg abgekommen, ich ärgere mich mal wieder vor mich hin. Dazu habe ich heute morgen vor dem Gang in das nasse Draußen noch in für mich fremde Blogs geschaut, die unglaublich viel von all diesen Stilregeln halten, tendenziell belehrend dozieren und es fertig bringen, zeitgleich Ausrufezeichen en masse zu verstreuen und dennoch behaupten, viel für Wohlbefinden und Schönheit und INDIVIDUALISMUS zu tun. In all meinem Zynismus erwächst in mir der leise Verdacht - genährt durch viele Quellen - ich sei am Ende doch ein naives Lämmchen, das einfach nicht glauben will, was so offensichtlich wahr sein muss: der Mensch will starre Regeln und wir Frauen noch viel mehr. Wir wollen partout eingeengt und eingeschränkt sein, wollen von anderen gesagt bekommen, was wir wann wie und wo zu tragen oder nicht zu tragen haben. Und nur ihr und ich, wir kleines unbeugsames Grüppchen, wir stellen uns gegen die Heerscharen des Cäsars und haben Angst, dass uns der Himmel auf den Kopf ... ach nein, das ist eine andere Geschichte. Nun hat dieser unbedingte Freiheitswille, mein ganz persönlicher Wunsch, dass alle Frauen sich schön fühlen mögen und durch dieses wunderbar-warme Gefühl zu besseren Menschen werden, die auch allen anderen nur das Beste wünschen (wow, dieser Zynismus ist wahrlich triefend - mäh, mäh, mäh, ich bin doch ein Lämmchen), nun das alles hat auch eine Kehrseite. Die sich immer dann zeigt, wenn ICH auf ein Bild oder eine Wirklichkeit draußen auf der Straße treffe, die meinem ästhetischen Empfinden zuwider laufen. Bin ich also eine Heuchlerin, so frage ich mich selbst gequält? Sollte sie nicht anziehen dürfen, was sie mag? Bin ich denn nicht verpflichtet, sie darin schön zu finden und ihr Lob auszusprechen? Eines, das nicht in so zweischneidigen Aussagen gipfelt wie "Na du kannst das ja tragen ...!"? Ein moralisches Dilemma, zumal ich ja bei Farbberatungen auch durchaus einmal in die Stilberatung hineinrutschte. Tja, da habt ihr mich erwischt, oder? Kann es etwa sein, dass auch ich, die Frauen grundsätzlich wohlgesinnt und ihnen gegenüber neidfrei ist, am Monitor sitze, mit Entsetzen in den Augen und hysterischem Lachen in der Kehle? Rufe auch ich einmal aus, dass das dort vor mir scheußlich ist, grauenvoll und unfassbar? Zweifele ich anderer Frauen Geschmack etwa auch mal an? Öhm. Ja. Kommt vor. "Das Publikum stöhnt entsetzt auf, die hintere Reihe strömt dem Notausgang zu, Rufe werden laut, Tomaten fliegen" Selten zwar, aber dann kurz und heftig. Und dann schaue ich mir das Ganze genauer an. Oft komme ich zur Erkenntnis, dass es eben nicht die Figur der Trägerin ist, sondern die Aussage der Kleidung, die so gar nicht zur - von mir so wahrgenommenen! - Persönlichkeit der Trägerin passt. Vielleicht ist es die Farbe, die der Trägerin den Krieg erklärt hat, vielleicht ist es einfach eine Zusammenstellung, die mich nervös und unruhig macht. Aber nie ist es die Frau selbst, der ich vorwerfe, sich nicht angemessen "ausgeglichen" zu haben. Ganz klar, es gibt Kleidung, in der wir toll aussehen und andere, die das nicht schafft und natürlich streben wir nach der Kleidung, die uns schön macht. Doch da Schönheit im Auge des Betrachters entsteht, ist das eben unterschiedlich. Wenn eine Frau ihren kleinen Busen sehr mag und betont, dass dort eben nichts wogt und bebt, dann findet sie sich schön. Diejenige aber, die viel Busen für das einzig Wahre hält, wird nichts Schönes sehen und ihr raten, doch mal ein wenig mehr Watte zu verwenden oder lieber ihren Po zu betonen, da wäre wenigstens was dran. Wenn wir ernsthaft erreichen wollen, nicht mehr nur ein Schönheitsideal zu sehen, dann müssen wir offener werden, uns von engen Regeln verabschieden und neue Regeln erstellen, die uns mehr erlauben. Regeln, die mehr Empathie verlangen, Regeln, die uns die Wahl zwischen verbergen und betonen lassen, Regeln, die ohne Ausrufezeichen auskommen. Ein Kleidungsstück, das die Figur zeigt, wie sie ist, sollten wir nicht als entstellend wahrnehmen, nur weil es eine Besonderheit NICHT verbirgt. Ein Kleidungsstück, das uns so aussehen lässt, wie wir aussehen wollen, hat seine Berechtigung. Nur ein Kleidungsstück, das unseren Körper zu etwas macht, was wir  nicht sind und nicht sein wollen - das gehört in die Tonne. Wieder nebulös, nicht wahr? Nochmal konkret: Ein Kleid, das die Figur umspielt und zeigt, wo Bauch und Po, Busen und Hüfte sind, auch wenn die Hüfte schmal, der Bauch rund ist - weshalb sollte das nicht schön sein, wenn wir zu dem stehen, was wir so haben? Ein Kleid, das die gleiche Figur ein wenig formt, weil ich eben meinen Bauch nicht so sichtbar präsentieren will, das mit dem Ausschnitt den Blick lenkt oder mit dem Schnitt den Po hebt - wenn ich genau das will und mich darin stark und schön und sicher fühle, dann ist es ein perfektes Kleid. Ein Kleid, das den Körper einschnürt und verformt, den Busen wegdrückt und den Bauchnabel abzeichnet, das mich quetscht und das verrutscht und Dellen formt, die es nicht gibt - das macht jede und immer häßlich. Hinfort mit dem Miststück. Das sind meine Regeln: alles, was mich schöner macht, alles, was die Wahrheit zeigt, darf bleiben. Alles, was mich entstellt, fliegt raus. Aber schaue ich mir Zeitschriften an (und ich habe zu Recherchezwecken über den Sommer viele, viele gelesen), dann zählt nur das Verschönern, denn so, wie wir sind, sind wir niemals gut genug, es gibt immer was zu tun. Ich habe das gründlich satt. Können wir nun bitte endlich auf die Barrikaden gehen?  

Zu schlicht, zu unentschieden, zu langweilig

Das Jahr ist noch jung, aber ich muss sagen: es ist nähtechnisch das mieseste Jahr überhaupt; eindeutig mehr Mißerfolge als Hurras. Aus den unterschiedlichsten Gründen: halbherzig Begonnenes, Stoffe, die sich als nicht waschbar erwiesen, Denkfehler der dümmsten Art und dazu wenig Zeit und keine Lust, die Grundschnitte dem Gewichtsverlust anzupassen. Und irgendwie sind ständig Schulferien ... jetzt mal gerade nicht, aber wir steuern geradewegs auf die Weihnachtsferien zu. Hach, seufz. Entsprechend wenig habe ich gezeigt. Wenn ich auch mit Wonne die Mißerfolge zu zeigen pflegte, so wenig mochte ich die Knipserei und mich für Unschönes noch weiter zu quälen, danach war mir in diesem Jahr nur selten. Denn 2016 ist ja in vielerlei Hinsicht ein annus horribilis. Ich bemühe mich, mich auf das positive zu konzentrieren: tolle Sommerferien an der Nordsee, wo ich mich zuhause fühle, ein Angebot, das ich annahm, obwohl es mich noch mehr Zeit und Nerven kostete, die Aufstockung des heimischen Tierbestandes, das weniger große Kind auf meinem alten Gymnasium in meiner alten Klasse, viele tolle Frühstückchen mit Hund und Gatte ohne Kinder und viele neue nette Bekannte ebenfalls dank Hund und Schule. Es ist sicherlich egoistisch und kurzsichtig, diese Dinge über die allgemeine Entwicklung der Welt zu stellen, aber letztenendes - noch nie habe ich ein so starkes Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit empfunden. Nicht einmal während der weltpolitisch grauen 80er-Jahre. Doch damals war alles drumherum bunt und optimistisch, man war sich in seiner Fassungslosigkeit gegenüber dem Wahnsinn einig. Heute ... all wir guten Menschen haben einen Nachteil: uns machen Hass und Hetze krank und mürbe, während Rassisten, Nationalisten, Islamisten - und was es sonst an -isten so gibt - sich davon nähren und aufblühen, je gräßlicher sich die Menschheit verhält. Nun, in den nächsten Tagen werden wir sehen, welche Saat aufgeht. ABER da wollte ich gar nicht hin, entschuldigt. Eigentlich wollte ich zum Kleid, das ich ausprobieren wollte und mich dabei gründlich vertan habe. Viel zu unentschlossen bin ich an die nötige Weite für Ärmel und Oberteil gegangen, viel zu schlicht ist der Schnitt und viel zu halbherzig (wieder einmal) ging ich an Konstruktion und Näherei. Mir schwebte ein weiteres Hippiekleid vor, höher geschlossen und mit weniger Rockweite. Ewig lange suchte ich nach passendem Stoff, Viskose oder Baumwolle, der weich-flanellig sein dürfte und irgendwie wild gemustert. Bei Karstadt fand ich eine kirschrote Viskose mit gelben, weißen und dunkelblauen Paisleys. Obwohl ambivalent, kaufte ich ihn - entweder es wird Bohème oder Sofakissen. Und bei so viel Musterei blieb der Schnitt ruhig. Viel zu ruhig, eigentlich hätte ich in die Vollen gehen müssen mit weiten Ärmeln, mehr Taille und mehr Weite zugleich, mit Saumrüschen und dem ganzen Tralala. Sollte, hätte, müsste. Aber dann erwies sich der Stoff auch noch als zuschnittbiestig und sowohl verzogen als auch schief bedruckt. Nunja, allzuviel Liebe ist nicht verloren gegangen. 0984 Ja, der Saum ist nicht fertig und wedelt schief umher - eigentlich ist eine Hälfte des Kleides schief. Verzogen, komplett verzogen. 0986 Trotz des sehr wilden Musters ist es so unglaublich brav, dieses Kleid. Sehr brav, ich spüre, wie ich zahm und sanft und gehorsam werde, wenn es mich umhüllt - ihr seht es auch. 0989 Und kein Stiefel, kein Schuh, kein nichts will so recht dazu passen. Verzogen und nicht kompromissbereit das Ding. Außerdem ist es nun schon so kalt, dass mir ein Kleid auch zu Hause nicht mehr reicht - Fazit daher: 0985 Aber es war den Versuch wert. Irgendwie. Glaube ich. Nur: ich will Kleider nähen. Obwohl ich friere und gar nicht mehr so recht weiß, was ich an mir sehen mag. Albern, höchst albern.