Bleistiftrock, Bluse und – äh wie? – T-Shirt

Es war einmal eine Frau, die nach der Geburt ihres ersten Sohnes nach Jahren das Stricken wieder begann. Bald schon verliebte sie sich in kleine, feine Pullover aus vergangenen Tagen, deren Anleitungen von freundlichen Menschen in das weltweite Netz gestellt worden waren. Und so strickte sie tagaus, tagein einen nach dem anderen. Doch stand sie vor der Schwierigkeit, diese Strickwerke selten tragen zu können, da die Schneiderinnen und Schneider des Landes ihr keine Hosen und Röcke anboten, die dazu passten. Das stimmte die Frau recht traurig und so sann sie nach einer Lösung: „Wenn ich heute koche und morgen stricke, dann hole ich übermorgen Stoff und nähe selbst.“

Zwar hatte sie keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet, doch sagte sie sich, sie brauche ja nur ein oder zwei schlichte, gerade Röcke, die ihr bis in die Taille und bis unter die Knie reichen würden – sicherlich wäre sie in der Lage, das mit etwas Fleiß und Geduld zu schaffen. Nun, sie schaffte es. Mit Fleiß zumindest, Geduld … nunja. Und so begab es sich also, dass die Frau einen – von den Menschen des Landes so genannten – Bleistiftrock nach dem anderen nähte. So viele kleine Pullis und enge Röcke stellte sie her, dass all ihre Freunde und Bekannte beides als ganz das ihrige ansahen und sie daran erkannten. Doch eines Tages wünschte sich die Frau anderes, mehr, neues und legte Pulli und Bleistiftrock beiseite.

An die Röcke aber dachte sie immer wieder einmal und nähte wohl auch zwei weitere. Die sie nicht trug, denn die Röcke schienen die kleinen Pullis zu vermissen und sträubten sich sehr gegen alles andere. Das machte die Frau sehr traurig, aber auch zornig. Es war nicht an einem Kleidungsstück, ihr zu sagen, was sie zu tragen habe! Und so nähte sie einen dritten Rock aus einem Stoff, der der harten Welt der Arbeiter entstammte. Doch nichts wollte so recht dazu passen: Mit den längeren Hemden darüber sah der Rock traurig-sackig aus. Mit den weiteren Pullis war es das Selbe. In anderem fühlte sie sich zu wenig gekleidet, in manchem zu bieder – es war ein Kreuz.

In letzter Verzweiflung griff sie sich eine kleine Bluse, von der sie nicht recht wußte, was mit ihr beginnen. Und siehe da: Es war recht.

 

 

 

Auch wenn heute keine Tiere zu sehen sind: Zwei waren da und über den einen musste ich bei jedem Weg drüber steigen, während die andere am Fenster eine Hummel jagte. Aber beide zu beobachten, erleichtert mir das Knipsen enorm.

 

 

Das übliche Problem: Von vorne könnte die Bluse fast kürzer sein, damit etwas mehr Taille und Hüftkurve zu ahnen ist, von der Seite aber ist es so nahezu perfekt.

 

 

Wäre sie allerdings noch kürzer, dann hätte ich bei dieser Bewegung nicht nur einen Lufthauch verspürt, ihr dürftet mir dann auch alle auf den blanken Bauch schauen. Garantiert ohne Sixpack!

 

 

Und dann fiel mir ein: Ein Schlitz im Rock, egal wie konservativ, muss un-be-dingt in Szene gesetzt werden. Sexy, Baby! Ok, die Bluse ist dafür viel zu brav. Egal – Schlitz im Rock, yay!

Wie aber auch immer: Ich habe auch zum allerersten Mal ein T-Shirt genäht. Vor zwei Wochen kaufte ich mir eines und nahm dessen Schnitt ab. So weit, so einfach. Ich habe natürlich vergessen, die Nahtzugaben mit anzuzeichnen und vergaß sie natürlich auch beim Zuschnitt, so dass von der lockeren Passform nicht viel übrig blieb. Was aber nichts macht, denn ich habe so was von gepfuscht: Beim Halsausschnitt habe ich das Bündchen nicht gleichmäßig verteilt und habe es dann mit dem schlimmsten, schiefsten und wackeligsten Zierstepp angenäht, den man sich denken kann. Es ist nun endgültig klar – ob mit oder ohne Brille: Ich sehe das einfach nicht mehr, wo die Nadel einsticht, es sei denn, ich nähe im Schneckentempo. Was nicht klappt, solange ich ein Pedal unterm Fuß habe und das könnt ihr euch nun interpretieren, wie ihr mögt. Mein Flensburger Konto jedenfalls ist sauber …

Und weil das erste Shirt zwar mutmachend, aber nicht perfekt ist, habe ich auf Säume verzichtet (und aufs erneute Bügeln) und es einmal zum Rock getestet.

 

 

Impulskontrolle: Null. Kamera läuft, ich sehe die Flasche, habe Durst und … ups!

 

 

Das Halsbündchen habe ich vielleicht doch etwas knapp zugeschnitten? Es ist die Ausschnittweite x 0,8 – aber waschen und bügeln würden das vielleicht noch verbessern.

 

 

Ganz klar muss hier ein anderer BH drunter, kein abgepolsterter. Etwas weniger Fülle oben herum lässt das Shirt deutlich freundlicher an mir entlangfallen.

 

 

Aber es hat Spaß gemacht, obwohl ich keine Overlock benutzt habe – meine Overlock ist ein hinterhältiges Biest, das von dem anderen Biest im Haus (der kleinen, schwarzen Katze) so viel um die Ohren bekommen hat, dass ich keine Lust habe, neu einzufädeln und nach dem Problem zu suchen. Falls jemand da helfen mag oder sie für kleines Geld kaufen möchte: Gerne melden.

So, und nun darf sich die Märchenfrau überlegen, ob sie doch wieder einige Röcke nähen will. Ärgerlich ist einfach, dass Oberteile, die mir zu engen Hosen gut stehen, zu engen Röcken grauslig aussehen und ich daher vor dem Nähen einer Bluse immer entscheiden müsste, womit ich sie tragen will. Sehr lästig, das.

Curvo

Verreisen ist ja, bin ich ehrlich, nicht so mein Ding: Stundenlange Autofahrten oder überfüllte Züge erfüllen mich mit Horror, von Flügen ist gar nicht zu reden – nach jahrzehntelanger Flugverweigerung musste ich dann auf viel zu vielen Flügen feststellen, dass die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist als meine Furcht. Soviel zu den Sprüchen all derer, die mir immer sagten, ich müsse es einfach einmal versuchen, danach hätte ich keine Angst mehr. Ha! Eben so gelogen wie alles andere von „Nach dem ersten Kind ist die Akne weg!“ oder „Nach dem Stillen gibt es keine Regelschmerzen mehr!“ Oder das Kind benimmt sich schwierig und ist unerträglich? Wir können uns sicher sein, dass das nur eine Phase ist … hahaha. Aber ups, wollte ich hierhin? Wollte ich nicht. Also zurück zum Reisen und dem Guten, was damit verbunden ist. Im Falle meiner letzten Reise – über Ostern spießig-bürgerlich in den Center Park an der Nordsee ist das Positive das Wiedererwachen meiner Stricklust.

Gut, sie erwachte weder lustig noch freiwillig; es war die Tatsache, dass wir endlose acht Tage in einem Ferienhaus mit Kamin drinnen und sicherlich Sturm, Regen und Kälte draußen verbringen würden und was fällt den meisten von uns sofort ein – wenn die Nähmaschine ein Riesentrumm ist und die Hunde den Kofferraum belegen? Eben. Stricken. Fast schon manisch-panisch durchwühlte ich meine Wollvorräte und Strickanleitungen, packte irgendwie von allem das Falsche ein und verbrachte dann eine halbe Nacht am Laptop, um doch noch eine passende Anleitung für Wolle, Nadelstärke und Maschenprobe zu finden. Gefunden habe ich Curvo von Sachiko Burgin. Da ich eine von Ingrid geschenkte Dropswolle in einem kräftigen Fliederton hatte, die diesem und diesem Farbton ähnelte, fand ich es reizvoll, einen Pulli zu stricken, der eine Mischung der anderen beiden ist – also in diesem Fall quergestrickt und am Saum nach unten gebogen.

Was kann ich sagen? Es ist kein perfekter Lieblingspulli geworden, da das Garn sich auch nach dem Waschen noch etwas steif und wenig schmiegsam zeigte. Ich denke, Curvo sähe deutlich besser mit einem dünneren Garn aus, das betont locker verarbeitet wird – so, wie der Pulli jetzt ist, schafft er etwas, was sonst wenige Oberteile schaffen: Ich sehe oben glatt breiter aus als unten. Außerdem kratzt er. Was mich aber nicht abhielt, ganz besonders gelungene Bilder zu schießen – also wie immer eigentlich …

 

 

Frohgemut also stellte ich mich vor die Kamera und es ging auch recht gut los. Es lässt sich erahnen, was mich an dem Schnitt anzog und es lässt sich erkennen, was mir am fertigen Werk nicht gefällt – beispielsweise die vollkommen alleine stehenden Ärmel.

 

 

Schön zu sehen, was mir besonders wenig gefällt – was der Wolle und nicht der Anleitung zuzuschreiben ist bzw. meinem Fehler bei der Kombination von Wolle und Schnitt: So wie die Ärmel steif vom Arm abstehen, so voluminös ist auch die Partie zwischen Schulter, Achsel und Brust. Wäre es ein Kleid aus Webstoff, so wäre das die Menge, die unbedingt in den Brustabnäher geschoben werden müsste. Ich könnte es einmal mit einem anderen BH testen, der anders formt. Aber kratziger Pulli und pushender BH klingt nach wenig Komfort.

 

 

Immerhin ist die Saumkurve hübsch und der Pulli fällt erstaunlich tailliert für einen geraden Sack. Und irgendwie dachte ich, dass ich vielleicht Bilder hinbekäme, die mir den Pulli in einem lieblicheren Licht erscheinen lassen könnten und knipste weiter. Das mit der Lieblichkeit hat irgendwie funktioniert …

… denn die Tiere trafen ein. Momo begab sich an den Napf und vermied es, in die Reichweite der Kamera zu geraten. Max tigerte vor der Türe auf und ab und warf mir flehentliche Blicke zu. Micky allerdings stürmte herein und Minusch folgte ihm auf dem Fuße.

 

 

Also mit Minusch zusammen finde ich den Pulli äußerst entzückend und ihr ist das leicht Kratzige äußerst genehm. Eigentlich sprang sie mir nur in die Arme, weil ihr das Durcheinander aus bettelndem Micky und flehendem Max zuviel war – letzteren hatte sie fest im Blick während der Aufnahme, doch dann entdeckte sie des Pullis Haptik und entschied: Halt mich, kraul mich, lass mich einschlafen. Einige Minuten hielt ich stehend mit dem immer schwerer werdenden Katzentier und dem immer unerbittlicher juckenden Pullover durch, dann gab ich auf. Und während ich das hier schreibe, liegt Momo rechts von mir auf der Fensterbank und überwacht die Straße, Minusch schläft auf der Nähmaschine, Micky liegt neben meinem Stuhl und Max auf meinen Füßen – mit Tieren lässt sich Idylle erstaunlich leicht erreichen; mit den Söhnen nur, wenn sie Zugang zu digitalem Gerät haben. Hmmm.

Wie auch immer, ich habe nach laaaanger Zeit wieder einmal etwas für mich gestrickt und sitze am nächsten. Und weil wieder einmal Dienstag ist, trage ich mit damit gerne beim Creadienstag ein.

Urlaub, Ferien, Erholung, Ruhe – krank!

So ist es ja immer, nicht wahr? Kaum kommt man zur Ruhe, freut sich auf die erholsamen Tage, die vor einem zu liegen scheinen, endet man kränkelnd in fremder Umgebung. Vorher wusch und packte man, um für jede Aktivität gewappnet zu sein, brachte die lästige Autofahrt vorbei an Baustellen und gesperrten Rastplätzen hinter sich, bezahlte Unsummen für ein vergammeltes Brötchen und wollte am liebsten selbst im Minutentakt ausrufen, wann man denn endlich da sei.

Dann endlich ist man angekommen, schleppt alles in das temporäre Heim und verspeist glücklich und zufrieden den Tags zuvor zubereiteten Nudelsalat – der nie besser schmecken würde als nun. Er war auch wirklich gelungen. Müde sinkt man in die Kissen, schläft schlecht und erwacht voller Tatendrang, der ein wenig durch das Wetter gedämpft wird. Als jahrelange Norderneyerin (kann man werden, nur Insulaner niemals!) wußte ich, warm wird es nicht, sondern feucht und böig. Ist es aber querregnend, dann bleibt auch der Nordseefan samt Familie und Hunden lieber im Haus. Im Haus, das Sauna und Whirlpool hat, in die der Gatte seiner Rückenbeschwerden wegen gesteckt wird, bevor ihm Massagen erteilt werden. Nach kurzen Gassigängen geht es ins Schwimmbad, vollgestopft mit Menschen, die – jetzt seien wir mal ehrlich und gemein – man zu einem Großteil nicht gerne im eigenen Wohnzimmer sitzen hätte. Aus diversen Gründen. Immer wieder treffen sich Blicke zwischen zwei Frauen, die sich als seelenverwandt begreifen, ohne aber zu weiteren Gesprächen zu führen – ich persönlich friere auch bei 29 Grad, wenn ich dabei klatschnass umherstehe und bin dann wenig kommunikativ.

Und dann freut man sich auf den dritten Tag, um fest zu stellen: Nordseeluft macht immer noch müde und so vergammelt ein jeder diesen Tag mit Genuß. Ich über Stunden in der Sauna und im Sprudel, abwechselnd strickend und lesend, die Jungs ohne jedes Gewissen an ihren Handys und der Gatte im Bett, den Rücken und die vom neuen Job geplagten Nerven schonend. Abends gönnt man sich das zweimalig gebuchte Buffet, das aber auch nicht einen Cent seines hohen Preises wert ist und erlebt dabei, dass die Vorurteile, die man im Spaßbad erwarb, hier aufs Schönste bestätigt werden – wer dort Kinder von der Rutsche schubste, hat auch geringe Hemmungen, andere gegen Heizplatten zu bugsieren oder Gabeln zur Verteidigung verbrannter Buletten einzusetzen. Als Veggie konnte ich immerhin ein Gemüserösti, eine Portion Fritten und einen 08/15-Salat ergattern. Der Gatte versorgte mich ungefragt mit einem Glas Weißwein, um sich dann über mein Gesicht zu amüsieren – ich bin schon keine große Weinliebhaberin, aber dieser Tropfen bescherte mir ein ganz neues Geschmackserlebnis. Drumherum jedoch wurde mit Wonne jeder noch so überladene Teller geleert, bevor Nachschub ranrollte. Soviel Hunger konnte hier doch niemand haben, um über die ersten Bissen hinaus noch angetan zu sein vom Angebot? Nun, einmal müssen wir noch hin und das hat ja auch seine Vorteile: Wie schön es ist, nicht kochen, aufräumen und nachkaufen zu müssen, wissen wir alle. Dafür nimmt man auch einmal oder zweimal eine gewiße Minderwertigkeit in Kauf.

Nun, an Tag vier sollte es aber endlich losgehen mit der Bewegung, der vielen. Stattdessen wachte ich mit Halsschmerzen aus der Hölle auf. Aber dennoch wollte ich mit allen raus und den Hunden. Bis knapp vor den Deich schaffte ich es, dann war ich durchgefroren und mein Kreislauf weg, das linke Ohr dröhnte und trommelte vor Schmerz und ich schwankte wie eine Schnapsleiche morgens früh um vier mühsam ins Ferienheim. Zurück in Wanne und Sauna mit frisch erworbenen Halsschmerztabletten, wo ich mich von den Söhnen mit belegten Broten (gibt es etwas köstlicheres, als von liebevoller Hand geschmierte Brote, wenn man kränkelt?) und Kräutertee versorgen ließ und es ansonsten dem immer noch schmerzgeplagten Gatten übertrug, sich um seine Söhne zu kümmern.

Aber Tag fünf! Ich war mir sicher, meine Erkältung würde wieder einmal ein kurzes Gastspiel sein: Brutal schmerzhaft zwar, aber schnell. Stimmte. Hurra! Also raus. Bis kurz vor den Deich, dann auf einmal Krämpfe. Ja, klar – ich musste meine Tage bekommen. Im Urlaub. Und wieder lag die Mutter flach. Das hatte ich mir wirklich anders gedacht. Immerhin – so hatte ich schon drei Bücher gelesen und das Stricken begonnen. Und morgen wäre auch noch ein Tag … vor dem eine Nacht lag, die überhaupt nicht witzig war. Als sie endlich um war, schmiß ich mich unter die Dusche, machte mich so hübsch es noch ging – die Handarbeitsschere half, die schnitt mir noch mehr Haare ab – und stellte mich dem Jüngsten vor seine streifengebende Kamera, denn den Pulli, den ich trug, hatte ich noch nie verbloggt.

Was ich hiermit tue. Viel erkennen lässt sich nicht. Die Wolle ist von Lana Grossa, die letztjährige (?) Brigitte-Edition, die sich zwar schön verstrickt, aber pillt wie verrückt. Es ist ein türkis-petrol, vielleicht einen Ticken zu grünlich für mich, was aber momentan sehr schön mit meiner grünlichen Nase korrespondiert. Sieht man aber auf den Bildern nicht.

 

 

Der Pulli selbst ist so simpel, wie es nur geht: Er geht gerade hoch, hat eine modifizierte Schulter (also eine einfache Achselabnahme, die sich im Ärmel wiederholt, einen Rundhalsausschnitt und nach unten schmäler werdende Ärmel – also knapp mehr als ein Anfängerprojekt. Genau das, was ich manchmal will.

 

 

Und weil Micky doch immer mit ins Bild will, überlasse ich ihm gerne die Hauptrolle. Besonders gut geht es ihm hier nicht: Der Sand, der Wind, das Salz reizen seine Augen, so dass er wenig sieht.  Er benimmt sich unglaublich aggressiv anderen Hunden gegenüber und hat sich dazu noch etwas in die Pfote getreten, die immer wieder neu blutete. Kaum sind wir im Haus, sucht er Nähe und Versicherung. Ich denke, wir sind dieses Mal alle sehr froh, wenn wir wieder zu Hause sein werden – es läuft so gar nicht wie gewünscht. Selbst das herrliche Café-Bistro auf dem Deich, in dem wir letztes Jahr so oft und gerne saßen, ist nicht mehr da … der nächste Nordseeaufenthalt muss endlich wieder die Insel sein!

Gerüscht – ok. Länge – ups.

Bevor ich in den nächsten zwei Wochen dank Schulferien und Gattenurlaub zu gar nichts komme, wollte ich in der letzten Woche unbedingt vieles schaffen: Texte für ein zweites Projekt beenden, ein Blusentop konstruieren und nähen und ein T-Shirt kopieren (Jersey!Ich!), das Haus von oben bis unten putzen und ordnen, ein Strickprojekt finden und beginnen, meine Haut wieder in Spur bringen und Haare schneiden lassen.

Idiotisch. Ganz klar. Idiotisch.

Dennoch habe ich ein T-shirt halb genäht und Erkenntnisse gewonnen, mir die Haare von einer Freundin schneiden lassen, das Haus teilweise gesäubert und Strickzeug zumindest bereit gelegt.  Auch die Texte sind beendet und das Top gezeichnet und genäht. Über drei Tage lang. Weil die Idiotie der vielen hektischen Pläne sich ja irgendwo niederschlagen muss.

Ich kaufte Stoff am Dienstag, der mir die Idee zu einem gerade geschnittenen Oberteil mit Uboot-Ausschnitt und halblangen Ärmeln gab, die in einer Rüsche enden sollten. Respekt hatte ich vor der Rüsche bzw. davor, wie das wohl an mir – mit knapp 50 und in den letzten Wochen erstaunlich verunsichert – aussehen solle. Dabei entging mir das eigentliche Problem komplett: Gerade geschnitten. Damit hatte ich ja immer schon fantastische Reinfälle erlebt …

Der gekaufte Stoff war nach der Wäsche noch immer steif wie eine dünnere Quiltbaumwolle und seltsam kratzig. Der Schnitt gezeichnet und ich verbissen-entschlossen. Ein seit langem liegender petrol-weiß gestreifter Baumwollstoff warf sich mir in die Arme und versprach mir alles, was ich mir erträumte. Erst beim Nähen fiel mir so recht auf, welch ein Hochstapler er war, denn viel weicher und fließender als der ursprüngliche Kandidat war er nicht. Was den Rüschen recht war.

Natürlich wollten die Armkugeln so gar nicht in die Armlöcher passen, natürlich wollte der Stoff knittern, natürlich ging das Garn aus und die Nerven gleich mit und natürlich wollte ich bei der Anprobe stumm hinten über kippen oder heulend nach vorne. Nicht wegen der Rüschen, die fand ich erstaunlich erwachsen. Aber der Körper?

Es spannte am Bauch, obwohl rundum viel Platz war; der Stoff wollte dort verweilen und klebte sich fest. Ein trauriger Anblick war das. Ich spielte also mit der Länge herum, wünschte vergeblich, ich hätte eine leichte Trapezform gewählt und schwor jeglichem Süß- und Leckerkram auf ewig ab. (Die Ewigkeit lief dann übrigens vorgestern ab – sie beträgt exakt 23 h 17 min und 47 sec) Ich wühlte mich durch die Reste des Stoffes und kam auf die wirklich großartige, einmalige, unschlagbare, fantastische Idee, die nötige Weite durch eine weitere Rüsche am Bauch zu sorgen. Mit viel Liebe und Sorgfalt schnitt ich eine längsgestreifte Rüsche zu, säumte sie, raffte sie und fand sie sehr gelungen. Weshalb ich sehr sorglos die Bluse auf Bauchhöhe kürzte und die Rüsche ansteppte. In der Tat wirkte es auf der Puppe sehr modern und nahezu cool. Welch eine gute Idee.

Ich kochte das Mittagsmahl für die Brut, ruhte mich ein wenig aus – nächtlichen Schlaf kenne ich kaum noch in den letzten Wochen – und warf mich dann in die so wunderbar gerettete und aufgepimpte Bluse. Vielleicht erinnert sich die eine oder andere an Fantasia, den Disneyfilm? An die entzückenden Nilpferddamen vom Ballett? Weshalb sie mir wohl in den Sinn kamen? Hmmm ….

Die Rüsche wollte sich nicht der Schwerkraft beugen, sie stand quer und wippte um mich herum. Ich drückte sie nach unten, fand, dass sie dann doch gut aussehen könne, bügelte wie eine Wahnsinnige und zog zuletzt ein Gummiband in den Saum. Nun blieb sie unten und fältelte sich gar gehorsam und, es ist kaum zu glauben, das sah auch noch gut aus. Doch beim ersten Schritt rutschte das Gummi hoch und höher. Es war hoffnungslos. Also wieder runter damit und grübeln, wie ich die nun fehlende Länge wieder dran bekäme. Kurze Antwort: Gar nicht, da kam nicht mehr genug an Stoff zusammen.

Mutig trug ich sie heute dennoch und auf den Bildern fällt mir auch auf, wie unschön die Ärmel eingesetzt sind. Und wie sehr Baumwolle an Jerseyhemdchen klebt. Was vielleicht gut aussähe, das wäre ein hochgeschnittener Faltenrock, etwas ganz schlichtes. Oder vielleicht einer mit Passe und einer geraden, gerafften Rockbahn. Mit Jeans sah es vorm Spiegel und in den Augen der anwesenden Jungs und Männer gut aus, auf den Bildern eher nicht.

Jetzt habe ich mir das von der Seele geschrieben, stelle fest, dass ich mir ein Kleid mit diesen Ärmeln wünsche und dass ich dringend den Bunkaschnitt neu aufstellen muss. Jetzt schaut ihr euch einfach die Hunde an und das blühende Tal, durch das wir täglich laufen.

 

 

Der kleine Sohn – der Tom – gab sich viel Mühe mit den Bildern und produzierte Serienaufnahmen en gros. Von 120 Bildern habe ich zumindest 111 ruiniert.

 

 

Das halten beider Hunde half auch nicht, dient aber als Ausrede. Sobald ein anderer Hund in Sicht kommt, tickt der Kleine aus. Die Trainerin, der ich oft begegne, ist zuversichtlich, dass ich das wegbekommen werde, aber Geduld müsse ich schon haben. Ist ja meine Stärke, das Ding mit der guten Weile …

 

 

Sicherlich fiele die Bluse etwas günstiger, hätte ich kein Top darunter getragen. Ich hätte aber ungünstiger frieren müssen im Schatten – bei 18 Grad um 10:00 Uhr gehe ich noch nicht bauchfrei. Aber so eine Art Bauernrock mit hoher Taille könnte vielleicht gut zur Bluse passen, oder?

Aber egal, egal – die Sonne scheint und zwei Hunde sind absolutes Glück!

Wieder einmal ein Zelt. In himmelblau. Mit Sonne!

Dass ich eine gewiße Vorliebe für weite Kleider und im besonderen Zeltkleider habe, habe ich 2015 und 2016 schon gezeigt. Ich finde ja, dass diese Kleider erstaunlich viel Figur zeigen, dafür, dass sie der Taille nicht nahe kommen; wir könnten nun darüber diskutieren, ob und weshalb das so ist. Wir können es auch lassen.

Nun hatte ich seit etwa zwei Jahren einen Stoff im Lager, den ich online bestellte und der sich als erstaunlich anders heraus stellte: In der Beschreibung war er eine Woll-Poly-Mischung mit leichter Struktur, graublau, leicht und fließend. Im Paket verwandelte er sich in ein recht kräftiges Himmelblau mit sehr deutlicher Struktur, dabei eher steif und starr und alles andere als dünn. Immer wieder packte ich ihn von links nach rechts, von oben nach unten, überlegte, was daraus wohl werden könne. Für einen Frühjahrsmantel waren die zwei Meter nicht ausreichend, für einen Blazer fand ich ihn nicht beweglich genug und die Farbe war alles andere als kombinationsfreudig.

Vor drei Wochen dann war ich so ärgerlich auf diesen Stoff, der mir Platz wegnahm, dass ich ihn heraus nahm und an ihm herum zupfte, in der Hoffnung auf plötzliche Inspiration. Kam nicht. Also ging ich es logisch an – ein ganz neues Vorgehen hier im Hause. Im Ausschlußverfahren kam ich darauf, er könne nichts anderes als ein weites Kleid mit halblangen Ärmeln werden und von da aus entstand dann das hier:

 

 

Was letzten Endes daraus wurde, entwickelte sich Schritt für Schritt – wenn ein Stoff das Herz nicht erobert hat, ist das Experimentieren erleichternd und leicht. Aber erst einmal zupfe ich das Kleid wieder zurecht, damit die Falte gerade sitzt. Oder nein, erst einmal zeige ich, dass da eine riesige Falte ist:

 

 

Der Grundschnitt ist der Bunkaschnitt, den ich immer verwende, wenn die Kleidung eher locker sitzen soll – der Pepin-Block ist deutlich figurnäher und ich denke, vom Endergebnis aus lässt sich auch immer gut erkennen, welchen von beiden ich benutzt habe.
Im ersten Schritt habe ich eine meiner bevorzugten Auschnittformen, eine flache, eckige, eingezeichnet. Der Bunkaschnitt ist von Achsel bis Hüfte gerade und wird je nach Silhouette mit rundum acht Abnähern und einer Seitennahtvertiefung eng angelegt, dazu kommt ein Brustabnäher aus dem Armloch heraus. Um auch dem weiten Kleid noch Form zu geben, habe ich im zweiten Schritt die Seitennaht an der Taille um 2 cm vorne und hinten verschmälert und dann den Brustabnäher (am Rücken den Schulterabnäher) komplett in den Saum gedreht – so fällt das Kleid in der Taille leicht ein und schafft vermutlich den oben genannten Effekt.

 

 

Aber irgendwie erschien mir das zu langweilig und als ich den Schnitt probeweise auf den Stoff legte, stellte ich fest, dass ich trotz halben Ärmels und großer Saumweite noch ein wenig Platz hatte. Und keine Lust, noch mehr Schnitt zu malen. So rutschte ich die VM um satte 12 cm weg vom Stoffbruch. Mir schwebte eine unauffällige Kellerfalte vor. So unauffällig, wie eine himmelblaue Falte in einem Stoff mit Persönlichkeit halt sein kann.
Ruckzuck war ich im Anprobestadium, blickte, noch bevor ich den Spiegel erreicht hatte, an mir herunter und musste lachen: Es war, als schaue ich auf zwei Stahlsäulen hinab, die monumental an mir entlangwallten. Vorm Spiegel sah es nicht viel anders aus – positiv ausgedrückt stand ich in einem Kunstwerk, das die Nichtigkeit der Menschheit ausdrückte. Was tun?
Nur kurz spielte ich mit dem Gedanken, den Stoff und die Falten mit bügelnder Gewalt unter Kontrolle zu bringen, aber eigentlich gefiel mir dieses Eigenleben gut. Und während ich da vor dem Spiegel stand, legte ich meine Linke über die Taille und hatte die Erleuchtung: Ich lasse dem Stoff all seine elementare Kraft und bändige sie nur soweit, dass ich in ihr nicht gar so nichtig erscheinen würde. Über etwa 4 cm an der leicht nach oben versetzten Taille habe ich also die Kellerfalte zu- und an die die darunter liegende Mittelnaht angesteppt.

Und jetzt? Ist es tragbar, mag ich es?

 

 

Ja, ich mag es sogar sehr, wenn ich auch noch nicht sagen kann, wie häufig ich es tragen werde: Ein wärmender Stoff, der luftig absteht, passt nur in eine kleine Temperaturspanne. Aber ich mag die unabsichtliche Mischung zwischen mittelalterlich und 60er-Jahre-Trapez.

 

 

Von hinten ist es übrigens ganz, ganz schlicht:

 

 

Und weil es nicht nur Dienstag ist, sondern ich mit diesem Stoff äußerst kreativ war, trage ich mich gerne beim Creadienstag ein 🙂